Interview mit dem Sänger Ronican Hisso
Das Interview führte Layla Abas
Übersetzung Dipl.-Ing. Salah Kany
Ronican Hisso, ein Superstar, der Mittelpunkt der Musik. Jeder kennt ihn. Seine Musik kennt jeder gewöhnt. Er hat eine schöne Stimme und ist ein erfolgreicher Sänger. Seine Lieder sind anmutig. Er singt von Regen, Bergen, Tälern, Qamishlo, Amude, Ras Al-ain und Afrine. Er hat viele Fans, besonders junge Menschen sind angetan von seiner Musik. Er ist verheiratet, lebt in Deutschland und ist Vater von 2 Kindern.
F. Willkommen bei unserer Homepage Kurdroj.Zunächst die Frage, wer ist Ronican Hisso?
Erst einmal freue ich mich sehr über das Treffen und ich bedanke mich sehr herzlich dafür bei euch, dass ihr die Initiative ergriffen und mich eingeladen habt. Ich bin im Dorf Haji Ogli, in der Gemeinde Derbesia im Westen Kurdistans, im Jahr 1969 geboren und dann umgezogen nach Ras Al-ain. Dort wuchs ich auf und fing an zu singen. Ich bin verheiratet, Vater von Miran und Selava und ich lebe seit dem Jahr 2000 in Deutschland.
Jeder Künstler stand einmal am Beginn seiner Karriere. Wir möchten wissen, wie Sie Ihren musikalischen Weg begonnen haben?
Am Anfang, seit meiner Kindheit, habe ich, wie wohl jeder kurdische Sänger, einfach nur das Singen und die Musik geliebt. Ich erinnere mich, als ich noch sehr jung war, habe ich mit dem Singen angefangen. In der Schule habe ich mit einer kurdischen Folksonggruppe auf diversen kurdischen Feiern und Festen wie z.B. Nawroz gesungen.
F. Jeder Sänger wird immer von einem anderen Sänger von seiner oder der vorige Zeit inspiriert. Wer hat Sie inspiriert? Und wen inspirieren Sie?
Meine Mutter hatte ganz großen Einfluss auf mich gehabt. Sie hat zuhause immer gesungen, ich habe ihre Stimme geliebt. Außerdem haben noch viele Sänger Einfluss auf mich gehabt, wie Mohammad Shekho, Tahsin Taha, Mahmud Aziz und Said Yussif. Sie sind alle bekannten Künstler. Auch als wir erwachsen geworden waren, hörten wir immer noch ihre Musik. Ich höre mir jetzt fast alle kurdischen Musiker an. Ich habe festgestellt, dass ich Lieder schreiben und komponieren kann. Ich habe meinen eigenen Ronican-Stil gefunden und meine Fans finden diesen sehr schön.
F. Ihre Lieder haben fast alle die gleichen zarten Melodien, wonach wählen Sie die Lieder und deren Melodien aus?
A. Texte, die mich gefühlsmäßig nicht bewegen können, vertone ich nicht, ich bin also vorsichtig, wenn ich meine Lieder auswähle. Beim Komponieren eines Liedes fühle ich, dass das Lied schließlich ein Teil von mir geworden ist. Es geht mir dann nicht mehr aus dem Kopf. Damit gute Musik dabei herauskommt, bin ich ganz präzise bei der Auswahl meiner Lieder, so denke ich, aber die letzte Entscheidung liegt bei meinen verehrten Fans.
F. Sie haben große Fans in Qamischli, warum haben sie ihre Fans trotzdem verlassen und sind nach Europa ausgewandert?
A. Mehrere Sänger und andere Künstler haben ihr Heimatland verlassen und sind nach Europa ausgewandert. Bei allen liegen die Gründe in politischen, wirtschaftlichen und künstlerischen Problemen. Die politische Lage ist in unserem Land nicht besonders gut, dort fehlt jegliche Demokratie. Ohne eine demokratische Atmosphäre kann kein Künstler Leistung erbringen und solch eine Lage lässt es nicht zu, Nation Gefühl zeigen zu können. Des Weiteren wird man oft von Sicherheitsbehörden verfolgt wie z. B der große Sänger Mohammed Shekho, der von der Regierung verfolgt wurde. Ich werde nicht sagen, dass ich wie Mohammed Shekho für mein Land gekämpft habe, aber die Regierung macht keine Unterschiede zwischen Kurden. Die Regierung findet jeden Kurden verdächtig.
Die wirtschaftliche Situation im Land übt die entscheidende Wirkung auf den Lebensunterhalt, besonders auf das Leben der Künstler, aus. Wir als Künstler haben stets wirtschaftliche Probleme, so lässt sich keine gute Musik produzieren. Dabei haben wir auch noch technische Probleme.
Aus all diesen Gründen habe ich mein geliebtes Land verlassen, damit ich mir eine gesicherte Zukunft aufbauen kann.
Ich setze nun die Arbeit fort, die ich bereits in meiner Heimat begonnen habe. Freiheit ist für einen Künstler der allerwichtigste Aspekt. Die Bevölkerung in unserem Land wird ständig vom herrschenden Regime in Damaskus unterdrückt und insbesondere die Künstler werden verfolgt. Wir als Künstler sind Teil dieser Bevölkerung, aber wir haben einen besonderen Sinn für das Leid unserer Bevölkerung. Wir spiegeln die Empfindungen des Volks wider, deswegen versuchen die Leute der Regierung uns aus dem Verkehr zu ziehen.
F.) Wenn Ihnen die freie Wahl zwischen Deutschland und Qamischli überlassen bliebe, wofür würden Sie sich entscheiden? Haben Sie sich Gedanken über eine Rückkehr gemacht?
Ich wünsche mir von ganzem Herzen, dass ich wieder in meiner Heimat, und besonders in Ras- Alain, leben kann, weil ich dort geboren und aufgewachsen bin und des Weiteren alle meine Jugendfreunde dort leben. Der Wunsch nach einer Rückkehr in die Heimat lebt stets in meinem Herzen und in meinen Gedanken. Ich bin mir ganz sicher, dass ich irgendwann in die Heimat zurückkehren werde. Ich hoffe, dass es bis zu meiner Rückkehr nicht lange dauern wird. Meine Auswanderung nach Europa war nur ein Zwischenschritt. Ziel bleibt die Rückkehr in meine Heimat Kurdistan.
F.) Viele geben und tun alles, damit sie berühmt werden. Aber manchmal bringt der Ruhm auch ihr Unglück. Wie ist das bei Ihnen?
Seit ich mit Singen anfing, habe ich ein Ziel gehabt, dass ich die kurdische Musik bereichere und dass ich für meine kurdischen Fans irgendetwas tun kann. Das große Fernziel war berühmt zu werden. Ich möchte die kurdische Musik mit einigen Liedern, wie meine anderen Kollegen auch, bereichern.
Jeder Künstler will berühmt und bekannt werden. Ich bin zufrieden mit meinem Anteil am Ruhm. Berühmt zu werden ist ein Geschenk von Gott. Allerdings glaube ich, dass viele Künstler bei uns keine Chance hatten berühmt zu werden. Ich hoffe stets einen Platz in den Herzen meiner Fans zu behalten, bedanke mich bei all meinen Fans und ich respektiere ihre Gefühle.
F.) Was halten Sie von der kurdischen Musik heute? Und wie sehen Sie ihre Zukunft?
Ich kann Ihnen sagen, dass die kurdische Musik ihren internationalen Weg leider nicht gefunden hat. Zum Beispiel die amerikanische Musik hat Eingang in die ganze Welt gefunden, ähnlich die arabische Musik und die indische Musik. Sie haben begrenzt auch internationale Bedeutung gefunden. Die kurdische Musik hat ihren Weg ins internationale Musikgeschehen nicht gefunden.
Keinem kurdischen Künstler gelang es bisher sich mit einem Song in die internationalen Charts einzubringen.
Einige Künstler haben das versucht, aber leider ohne Erfolg. Die Gründe dafür sind, wie bereits angesprochen, wirtschaftliche und mediale. Ich hoffe, wenn ich nicht in den internationalen Chats zu finden bin, dass andere Sänger sich umso mehr in diese Richtung bemühen.
F.) Lassen Sie mich an dieser Stelle nach klassischen Liedern fragen. Welche möchten Sie am liebsten singen, Klassiker oder moderne Lieder?
Klassiker wie die Qaside (arabische Gedichtform) sind einfach zu vertonen. Solche Lieder sind bereits rhythmisch angelegt, so dass einem die Bearbeitung leicht von der Hand geht. Der Rhythmus der neuen Lieder ist schwer und erfordert doch einige Mühe.
Das Sev Sare - Lied habe ich selbst vertont und ist richtig bekannt geworden. Des Weiteren habe ich noch Lieder komponiert und geschrieben, die ich aber noch nicht gesungen habe.
Das Vertonen neuer Lieder erfordert viel rhythmisches Geschick und Mühe.
F.) Sie haben viele Alben vorgelegt. Warum haben wir Sie noch nie in einem Videoclip gesehen? Viele Sänger machen schon Videoclips.
A) Seit ich nach Europa gekommen bin, konnte ich kein professionelles Album produzieren aus verschiedenen Gründen wie z.B. technische Probleme oder fehlendes Equipment. Einen guten Videoclip zu produzieren, kostet viel Geld. Ich will nicht auf einen Videoclip hinaus, wo ich dann nur mit einer Frau unter einem Baum stehe und singe.
F.) Was halten Sie von der arabischen Musik? Und ist bei Kurden bekannt, dass Sie viel arabische Musik singen.
A) Man muss nicht kurzsichtig sein, die arabische Musik ist genau wie englische, französische, deutsche und etc. Schöne Texte und Melodien gehören keinem, sie gehören allen Menschen. Wir, die Kurden, müssen nicht sagen, weil wir von den Arabern unterdrückt werden, dürfen wir arabische Musik nicht spielen, ich hielte das für einen absoluten Irrtum. Die Kunst kennt keine Grenzen und keine Nationalstaaten. Ich betone nochmals, ich bin stolz Kurde zu sein, aber ich werde immer auch arabische Lieder singen. Es gibt es genug Kurden, die mit Arabern verheiratet sind, bei vielen Veranstaltungen befindet sich eine Reihe von Arabern unter den Gästen und dabei singe ich dann auch arabische Musik. Alle Araber sind nicht unsere Feinde, aber man darf Musik nicht mit Politik vermischen. Es gibt genug arabische Schriftsteller, Schauspieler und andere Künstler, die sich für den kurdischen Entwicklungsprozess einsetzen. Ich hoffe, dass ich künftig in der Lage sein werde in allen Sprachen zu singen.